Reichweinpädagogik heute - Theorie und Praxis


Jahrestagung 2001


 

Die Jahrestagung 2001 fand vom 
   28.9. - 30.9.2001 
auf Schloss Pretzsch/Elbe statt. 

Tagungsort war das 
Kinder- und Jugendheim "Adolf Reichwein"


 
 
Reichweinpädagogik heute - Theorie und Praxis

Kurzvorträge und Gespräche mit Vereinsmitgliedern, Heimpädagogen undLehrern zur Frage, ob und wie sich Elemente der Pädagogik Reichweins in das pädagogische Handeln unserer Zeit integrieren lassen.

Karl-Wilhelm Clodius: Geschichte und Konzeption  des Kinder- und Jugendheims "Adolf Reichwein" ; Besichtigung des Kinderheims und der Reichwein-Schule.

Besuch bei den Kindern bzw. Jugendlichen und Möglichkeit zum Gespräch

Prof.Dr. Joachim Bodag, Berlin: Aktuelle pädagogische Probleme und ihre Verbindung zur Reichweinpädagogik - Vortrag und Gespräch

Prof.Dr. Heinz Schernikau, Schöberg: Die Naturkunde Reichweins und die NS-Biologie - Vortrag und Gespräch

Heinrich Schiering, Burgwedel: Wie lebendig ist Reichweins Pädagogik ? - Ergebnisse von Befragungen an Reichwein-Schulen - Vortrag und Gespräch

 

Die diesjährige Jahrestagung gab Gelegenheit, eine der pädagogischen Einrichtungen zu besuchen, die den Namen Adolf Reichweins tragen, und in Vorträgen, Besichtigungen sowie Gesprächen mit den Verantwortlichen und Kindern einen Eindruck von pädagogischer Konzeption und praktischer Umsetzung zu gewinnen. Daneben gab es drei Fachvorträge, die sich mit einem Einzelaspekt der Pädagogik Reichweins, sowie der Umsetzung Reichweinscher Konzepte in der heutigen Pädagogik befaßten.

Karl-Wilhelm Clodius, pädagogischer Leiter des Kinder- und Jugendheims, stellte seine Einrichtung vor.
Das Kinder-und Jugendheim "Adolf-Reichwein" hat an dieser Stelle eine lange Tradition und war in seinen Anfängen Militärwaisenhaus als "Zweigstelle" des bereits im 18. Jahrhundert gegründeten "Großen Militärwaisenhauses" in Potsdam. 1827 schenkte König Friedrich Wilhelm III. dem Waisenhaus das Schloß Pretzsch.
Nach wechselvoller Geschichte und Aufgabenstellung ist es heute ein fortschrittlich geführtes Kinder- und Jugendheim, seit dem Jahre 2000 in der Trägerschft der Salus gGmbH, eingerichtet für die Betreuung und Begleitung von Kindern und Jugendlichen, die einer besonderen Hilfe zur Erziehung außerhalb ihrer Familien bedürfen. In den historischen, aber im Inneren grundmodernisierten Räumen des Schloßgeländes leben die Kinder und Jugendlichen zwischen 6 und 18 Jahren mit Erziehern in unterschiedlichen koedukativen Wohngruppen in Form von heilpädagogisch-integrativen Gruppen, Verselbständigungsgruppen und Tagesgruppen. Ein moderner Internatsbereich für lernbeeinträchtigte und lernbehinderte Kinder, die am Wohnort kein adäquates Schulangebot haben, ist angeschlossen. Der Schulbesuch für alle wird durch die im Schloß angesiedelte und vom Landkreis Wittenberg getragene Sonderschule mit Ausgleichsklassen "Adolf Reichwein" sichergestellt. Die Schule gliedert sich in einen Grundschul- und Sekundarschulbereich für die Klassenstufen 1-9. Die Klassenstärke beträgt 8 - 12 Schüler.
Das Kinder- und Jugendheim besitzt ein eigenes Ferien-Zeltlager in Preerow/Darß.

So schwierig es ist, allein aus den Darstellungen der Verantwortlichen, schriftlichem Informationsmaterial und Besichtigungen ein objektives Urteil über die tatsächlich geleistete Arbeit und den Erfolg gerade einer solchen sonderpädagogischen Institution zu gewinnen, kann hier doch konstatiert werden, daß zumindest die Besichtigungen und Gespräche den positiven Eindruck der vom pädagogischen Leiter Karl-Wilhelm Clodius in einem Vortrag  dargestellten Arbeit in allen Belangen bestätigten. Die anspruchsvolle Ausstattung und der gepflegte Zustand der Heimräume, die wahrnehmbare Atmosphäre  in den Wohnruppen, vermitteln ganz und gar nicht das Bild, das man landläufig mit dem Begriff "Heim" assoziiert. Das hier täglich auch Probleme auftreten, die man bei Besuchen nicht wahrnimmt, ist in einer derartigen Einrichtung selbstverständlich, ein solches Heim wäre anderenfalls  überflüssig, aber die Voraussetzungen, den Kindern und Jugendlichen einen Ersatz für das Elternhaus zu geben, auf ihre individuellen Schwierigkeiten zu reagieren und sie, wenn irgend möglich, auch einmal in die Familie zurückzuführen, scheinen hier in Pretzsch optimal gegeben. Wenn man es aus der Sicht des Adolf-Reichwein-Vereins sieht, kann man sicher feststellen daß die pädagogische Arbeit hier in Pretzsch dem Namensgeber der Einrichtung zur Ehre gereicht.

Das kleine Fachprogramm behandelte drei ganz und gar unterschiedliche Aspekte.

Joachim Bodag formulierte einige provokante Thesen, in denen er schlaglichtartig ein paar Aspekten heute gängiger pädagogischer oder gesellschaftlicher Tendenzen Erfahrungen aus eigener pädagogischer Tätigkeit, aber auch täglicher Beobachtung gegenüberstellte, um zur kritischen Reflektion anzuregen, die nur allzu oft unterbleibt, wenn man einmal als richtig Festgestelltes nicht mehr mit der Praxis abgleicht. Schließlich heißt die eigentliche Definition von Kritik nicht, etwas negativ darstellen, sondern Wesensfremdes vom Wesentlichen zu trennen und somit zur Wahrheit vorzudringen. Insofern war sein Vortrag ein Beitrag, um im konfuzianischen Sinne "zur Klärung der Begriffe" beizutragen.
Wo sind die Wertetafeln der heutigen Schulpolitik ? Ist der Lehrer nur noch Moderator im selbständigen Lernen, ist schon selbständiges Lernen allein Unterricht oder nicht eher das Ergebnis des Unterrichts ? Ist Auswendiglernen (Bodag: "Inwendiglernen") altmodisch oder einfach nur anstrengend, unbequem und daher geignet, mit dem Etikettt "Drill" versehen, in die Abstellkammer überkommener Methoden abgeschoben zu werden; ist es nicht für Interpretation und Verständnis von Inhalten, für die Entwicklung rhetorischer Fähigkeiten notwendig ?
Daß Fragen wie diese in einem reformpädagogisch geprägten Zuhörerkreis im beabsichtigten Maße provozieren können und zu einer lebhaften, wenn auch - zeitlich bedingt - kleinen Diskussion führten, wird nicht verwundern.

Heinz Schernikau dagegen befaßt sich gegenwärtig mit einer interessanten, aber ein Publikum sehr viel weniger emotional berührenden Thematik. In Ergänzung zu seiner Publikation "Die Lehrplanepoche der Deutschen Bewegung und die Wende der Curriculum-Revision - Standortbestimmung d. Heimatkunde u. d. Sachunterrichts im Kontext d. wiss. u. fachdidaktischen Entwicklung" (Frankfurt am Main 1981) arbeitet er daran, die Naturkunde Reichweins, ihre Begrifflichkeit und Herleitung im Vergleich zur Biologie des Nationalsozialismus herauszuarbeiten und damit die zeitlich bedingten scheinbaren Änlichkeiten der Begriffe in ihren tatsächlichen Unterschieden zu verdeutlichen.
Seine gegenwärtig verfolgte Linie geht  einer direkte Beziehung von Goethes Naturbetrachtung  über Alexander von Humboldt und den Biologen Friedrich Junge (1832-1905; Der Dorfteich als Lebensgemeinschaft) zu Reichwein nach.

Hegel stellte Goethes »sinnige Naturbetrachtung« dem »begreifenden Erkennen« der eigenen Naturphilosophie gegenüber. Alexander von Humboldts ganzheitliche Sicht verbindet seinerseits Naturforschung und Ästhetik, wenn er sich im »Kosmos« das Ziel einer »empirische[n] Ansicht des Natur-Ganzen in der wissenschaftlichen Form eines Natur-Gemäldes« setzt.

Wollte Riehl in der Volkskunde die Lebensformen des Volkes darstellen, so waren es bei Humboldt noch die materiellen und politischen Lebensbedingungen der gesamten Menschheit. Damit aber wird Humboldt zum experimentellen Vollender der Goetheschen Naturforschung. Natur bedeutet Humboldt, ganz in Goethescher Manier, Einheit in der Vielheit, deshalb konnte er auch noch den Kosmos als Ganzes beschreiben und vermitteln.

Junges akademischer Lehrer Karl Möbius machte diesen auf L.K.Schmarda, einen Wiener Zoologen, aufmerksam. Schmarda führte Junge zu der Erkenntnis, dass die Einheit in der großen Mannigfaltigkeit der Naturphänomene in bestimmten Gesetzmäßigkeiten der Lebewesen zu suchen sei. Junge untersuchte Schmardas "16 Gesetze der Organisation der Lebewesen" auf ihre Brauchbarkeit für den Biologieunterricht. So kam Junge zu den "8 Gesetzen des organischen Lebens". In Junges "Gesetz der organischen Harmonie" ist jedes Lebewesen ein nützliches Glied des Ganzen.

Dagegen unterscheidet die Biologie des Nationalsozialismus zwischen wertem und unwertem Leben. Im Mittelpunkt des zur NS-Lebenskunde missbrauchten Biologieunterrichtes der Nationalsozialisten  standen Vererbungslehre, Rassenkunde, Gesundheitserziehung und Schädlingsbekämpfung. Junges Schleswig-Holsteiner Landsmann, der Kieler HfL-Professor und Haeckel-Schüler Paul Brohmer (1885-1965) erarbeitete mit Lehrern 1935 einen genehmigten Lehrplanentwurf, in dem er sogar ausdrücklich an die Dorfteich-Naturgeschichte Junges anknüpfte. Im Unterschied zu Junge kam es ihm - wie er ausdrücklich betonte - aber nicht auf "reine" Erkenntnis an. Er wollte Biologiedidaktik im Sinn von nationalpolitischer Erziehung als angewandte Biologie verstanden wissen. Der Wert des Individuums in der nationalsozialistischen Ideologie ist zweckbestimmt, gemessen am Nutzen für die Gemeinschaft.

Bei Junge wie Reichwein dagegen heißt "Gemeinschaft", daß das Individuum seinen Stellenwert behält. Reichweins naturkundlicher Unterricht ist, wie z.B. seine Darstellung zum Einsatz des Schulfilms (Themen: Leben der Bienen und Ameisen) zeigt, ganzheitlich orientiert, um die naturkundliche Gemeinschaft von Tieren und Pflanzen im Jahresablauf erkennbar werden zu lassen, wie auch schon Planung und Organisation der Vorhaben als große Unterrichtsgemeinschaft strukturiert sind, in der alle Beteiligten die ihnen adäquaten Aufgaben übernehmen.

Schernikau konnte in Pretzsch erst einen frühen Zwischenstand seiner sicher noch längere Zeit andauernden Arbeit zur Thematik vorstellen. Faszinierend war allerdings, in seiner Darstellung auch die Art seiner wissenschaftlichen Vorgehensweise transparent werden zu sehen.

Heinz Schiering stellte erste Ergebnisse einer von ihm durchgeführten Umfrage an Reichwein-Schulen vor, mit denen er Aufschluß darüber erhalten will, in welchem Maße Reichweinsches Gedankengut und pädagogische Ansätze auch heute in der praktischen Schularbeit umgesetzt oder weitereintwickelt werden. Da noch keine inhaltliche Auswertung der Fragebogen zum gegenwärtigen Zeitpunkt möglich ist, diente diese erste Vorstellung zunächst nur der Information und dem Meinungsaustausch. Ein Ergebnis war allerdings bereits deutlich: Partnerschaften und Zusammenarbeit der Reichwein-Schulen untereinander scheint es nicht zu geben - ein Betätigungsfeld für den Verein.

Daß das Programm auch einen geselligen und informellen Teil enthielt, z.B. die Besichtigung der Kirche St. Nikolaus mit kleinem Orgelkonzert (Ekkehard Geiger, Orgel, Klaus Schittko, Gesang), sei hier nur am Rande erwähnt,  ist aber für die Kenner unserer Jahrestagungen selbstverständlich.

Die Stadtkirche St. Nikolaus wurde am 6. Dezember 1652 wieder eingeweiht, nachdem der Vorgängerbau -vermutlich eine dreischiffige gotische Hallenkirche- während des Dreißigjährigen Krieges 1637 zerstört wurde. Die in den Jahren 1696 - 1727 im Pretzscher Schloß residierende Gemahlin August des Starken, die Kurfürstin von Sachsen, Christiane Eberhardine ließ die Kirche 1720 barock umgestalten. Dazu zog sie den Baumeister Matthäus Daniel Pöppelmann (Dresdener Zwinger, Schloß Pillnitz und Moritzburg) heran. Im Kirchenraum zeugen von ihm die Saaldecke mit Wappen und Monogramm der Königin, die kunstvolle Draperie am Fenster der Fürstenloge und der Turmhelm. In der Kirche befindet sich auch das Grab der am 5. September 1727 verstorbenen Christiane Eberhardine.
 

hpt